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Parteien und Staaten gewinnt nicht, wenn bewusst od
er unbewusst, Zeit und Raum
zerschnitten, Realitäten wählerisch sortiert werden
.“ Er argumentiert mit dem angeblichen
Angriffsplan der Briten zum 01.07.1945 und weiß doc
h genau, dass dies politische Spinnerei
einiger britischer Generäle war, die in den USA kei
ne Chance hatte. Er argumentiert mit der
Atombombe, die Deutschland gespalten habe. Stalin h
abe in dieser Zeit die Einheit
Deutschlands verfochten, sei für gesamtdeutsche Wah
len, für den Abschluss eines
Friedensvertrages etc. gewesen. Das mag ja stimmen,
aber Falin unterschlägt die
sowjetischen Bedingungen. Denn in seiner kontrollie
rten Zone waren ja Tatsachen
geschaffen worden, die die Westmächte niemals akzep
tieren konnten: Bodenreform,
Verstaatlichungen der Industrie, Uranabbau hatte be
gonnen, politische Maßregelungen
(Einsperren von Sozialdemokraten) etc. Wenn ich ihn
richtig verstehe, wollte Stalin keine
sozialistische Entwicklung in der DDR, wer wollte s
ie denn dann, wer gründete die DDR als
Antwort auf die Gründung der BRD? War die sozialist
ische Entwicklung in der DDR die
Peitsche in der Hand Stalins, mit der man nur dem W
esten drohen wollte? Waren wir nur
Geiseln der Sowjets? Marionetten im Machtpoker? Wah
rscheinlich!
Falin mystisch dazu: Stalin „gab zu verstehen, dass
Moskau nicht widersprechen würde,
wenn sich die Mehrheit für eine Ordnung in der Art
der Weimarer Republik aussprechen
würde. In dieser Position Moskaus kann man natürlic
h ein Abdriften von der Orientierung auf
einen ,besonderen deutschen Weg zum Sozialismus‘ se
hen. Wenn man es wünscht, ist es
nicht schwer, die Staatspolitik mit dem Leitstern d
er Ideologie zu identifizieren, indem das
Gegebene in Klammern gesetzt wird. Die Politik war
und bleibt die Kunst der Aufstellung der
Prioritäten.“ Also falsch gefragt, Herr Krenz, es g
ab andere Prioritäten, nur mit den
deutschen Genossen musste man sie ja nicht besprech
en. Die durften auf einer
Parteikonferenz laut den Aufbau des Sozialismus ver
künden und den Westen reizen, sich den
Unmut ihrer Bürger zuziehen, sowjetische Panzer als
Glücksfall der Politik und ihrer Rettung
ansehen und künftig nur noch traumatisiert souverän
e Politik machen. Warum fällt es Herrn
Falin so schwer, einzugestehen, dass die gesamte Na
chkriegspolitik der Sowjetunion ein
einziges Desaster war, an der er auch persönlich be
teiligt war. Die Quittung bekam sie erst
Anfang der 1990er Jahre als sie wie ein geprügelter
Hund aus Mitteleuropa sich für immer
verabschieden musste und der Sozialismus als System
endgültig zusammengebrochen war.
Falin bleibt die Antwort auf die klar gestellte Fr
age einfach schuldig.
8.
Die Zerstörung Dresdens galt den Russen, muss man a
nnehmen. Falins Einlassungen zu
seinen Vorstellungen und Aufträgen in der SKK sind
eklektisch, er äußert sich nach der Suche
des Warum dieses schrecklichen Krieges überraschend
nicht zur Verantwortung des
deutschen Faschismus.
9.
Falin meint, seinen Interviewpartner hinsichtlich d
er deutschen Kriegsgefangenen belehren
zu müssen. Es war doch keine Frage, dass mit ihrer
Gefangenschaft eine Schuld gesühnt
werden sollte. Krenz hatte dies als Staaträson der
DDR bezeichnet. Obwohl die Gefangenen
in der Sowjetunion wohl nach internationalem Recht
für Kriegsgefangene behandelt wurden,
argumentiert Falin, als ob der einzelne rechtstaatl
ich wegen begangener Verbrechen
verurteilt worden sei. Als Interviewer würde ich es
als Beleidigung ansehen, dass ihm Falin
die Opfer Weißrusslands nochmals vorzählt (warum ei
gentlich nur diese?). Weiß Falin
eigentlich, wen er da vor sich hat? Es ist aber doc
h Willkür, wenn 1949 die Dauer der Strafe
für Leute aus der sowjetischen Zone anders als für
jene aus den Westzonen bemessen wurde